Schule – die große Chance für den Kinderschutz

Bildungseinrichtungen nehmen für die Entwicklung von Konzepten zum Schutz vor sexueller Gewalt die zentrale Stellung ein. Schule hat neben dem Bildungsauftrag einen eigenen Erziehungsauftrag, und der Schutz vor sexueller Gewalt ist Teil dieses Erziehungsauftrags. Ein schulisches Schutzkonzept soll nicht nur Missbrauch in der Schule verhindern, sondern insbesondere dafür sorgen, dass Schülerinnen und Schüler, die andernorts sexuellen Missbrauch oder Übergriffe erleiden, hier ein kompetentes, verstehendes und helfendes Gegenüber finden. Da nahezu alle Kinder und Jugendliche über einen langen Zeitraum ihrer Kindheit und Jugend Schulen besuchen, ist die Chance, dass betroffene Mädchen und Jungen dort Hilfe erhalten können, größer, als an jedem anderen Ort, jeder anderen Einrichtung oder Organisation. Nirgends gibt es einen durchgängigeren Zugang zu Kindern und Jugendlichen als im Unterricht und pädagogischen Alltag von Schule. Lehrkräfte und andere Pädagoginnen und Pädagogen in Schulen haben viele Möglichkeiten, Veränderungen ihrer Schülerinnen und Schüler zu bemerken, Gefährdungen und Belastungen zu erkennen und ihnen Unterstützung anzubieten.
Und noch ein weiterer Aspekt unterstreicht die Bedeutung von Schutzkonzepten in Schulen: Erfolgreiche Bildung und Kinderschutz sind untrennbar miteinander verknüpft. Mädchen und Jungen, die sexuelle oder andere Gewalt erleben, tragen ein hohes Risiko für schulischen Misserfolg und in der Folge für berufliches Scheitern. Aus diesem Grund gilt aktiver Kinderschutz gerade in Schulen als handlungsleitend.

Schützende Strukturen gegen Missbrauch in Schule

Als 2010 eine große Zahl von Missbrauchsfällen in Einrichtungen bekannt wurde, wurde deutlich, dass gerade Bildungsinstitutionen, wenn auch keineswegs allein, ein Risiko tragen, zum Ort des Geschehens sexueller Gewalt zu werden. Deshalb ist es besonders wichtig, dass sich Schulen, aber auch Internate, der Herausforderung von Schutzkonzepten stellen, damit Missbrauch hier keinen Raum findet. Es geht darum, potentielle Täter und Täterinnen durch geeignete Maßnahmen von den Bildungseinrichtungen fernzuhalten. Außerdem soll sich in den Kollegien auf einen fachlich adäquaten Umgang mit Nähe und Distanz geeinigt und Transparenz geschaffen werden, so dass Täterstrategien keinen Nährboden finden. Aber sexuelle Gewalt hat viele Gesichter – nicht nur Erwachsene können die körperlichen und sexuellen Grenzen von Schülerinnen und Schülern überschreiten. Auch sexuelle Gewalt durch Mitschüler und Mitschülerinnen gilt es zu verhindern und hier ein besonderes Augenmerk auf Präventionsmaßnahmen zu richten, die sich auf die Risiken durch die digitalen Medien beziehen (Sexting, Cybermobbing).

Internate – Bildungs- und Lebensorte zugleich

Für Internate lassen sich die Ziele und Herausforderungen von Schutzkonzepten ähnlich skizzieren wie für Schulen, sie weisen aber auch Ähnlichkeiten mit dem Bereich „Heime und betreute Wohnformen“ auf. Sie können Orte des Helfens sein, aber auch Orte, an denen sexuelle Gewalt stattfindet. Schutzkonzepte in Internaten müssen immer der Tatsache Rechnung tragen, dass der Lebensmittelpunkt Familie zugunsten des Internats in den Hintergrund getreten ist, so dass Internate bei sexueller Gewalt die potentiell helfenden Eltern ersetzen müssen. Schutzkonzepte in Internaten müssen aber auch berücksichtigen, dass der Bildungsort Schule mit dem Wohnort Internat (meist) so nah verbunden ist, das beide als Einheit, manchmal auch als eigener Kosmos, der von der Außenwelt abgeschlossen ist, erlebt werden können. Für Mädchen und Jungen, die im Rahmen von Schule bzw. Internat sexueller Gewalt ausgesetzt sind, ist es wichtig, dass der Interventionsplan im Schutzkonzept Vorgehensweisen beschreibt, die verhindern, dass diese Gewalt nicht als absolut und unausweichlich erlebt wird.

Eine Frage der Perspektive und der Unterstützung

Bei der Vielfalt der Aufgaben und Verpflichtungen der Schulen kann die Entwicklung bzw. Weiterentwicklung von Schutzkonzepten als Überforderung gesehen werden. Aber die meisten Schulen merken schon nach der ersten Beschäftigung mit dem Thema, dass sie nicht ganz von vorne anfangen müssen, sondern längst präventive Strukturen entwickelt haben, sei es im Schulprogramm, in anderen Konzepten wie beispielsweise zum Thema Sucht, Mobbing, Peer-to-peer-Gewalt oder Gewalt durch die neuen Medien, Rassismus oder im gelebten Schulalltag, auf die das Schutzkonzept aufgesetzt werden kann. Zudem muss diese Arbeit nicht allein bewältigt werden. Neben Fachberatungsstellen stehen auch die schulberatenden Dienste wie der schulpsychologische Dienst oder die für Qualitätsentwicklungsprozesse zuständigen Stellen der Schulämter mit ihrem Wissen und Erfahrungen zur Verfügung.

Infomappe und Online-Plattform „Schule gegen sexuelle Gewalt“

Angesichts der großen Bedeutung von Schule für den Schutz vor sexueller Gewalt hat der Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs hier einen Arbeitsschwerpunkt gesetzt, um die Schulen im Sinne der „Handlungsempfehlungen der Kultusministerkonferenz zur Vorbeugung und Aufarbeitung von sexuellen Missbrauchsfällen und Gewalthandlungen in Schulen und schulnahen Einrichtungen“ zu unterstützen. In Zusammenarbeit mit den Bundesländern wird derzeit eine Infomappe und Online-Plattform „Schule gegen sexuelle Gewalt“ entwickelt, die ab Herbst 2016 allen Schulen in Deutschland zur Verfügung gestellt werden.

Anregungen

Schulflyer des Missbrauchsbeauftragten

Roland Merten (2011): „Schule und Kinder- und Jugendschutz“ in: Kinder- und Jugendschutz in Wissenschaft und Praxis, 56. Jg., S. 75ff

Katholische St. Paulus Schule – Konzept zur Prävention vor sexueller Gewalt

Das Logo der Initiative Kein Raum für Missbrauch

Initiativen-Spot

Sehen Sie hier unseren Spot zur Initiative.

Trau-Dich.de

Trau Dich - Die Initiative basiert auf dem Ansatz der UN-Kinderrechtskonvention und einem umfassenden Kozept der Sexualaufklärung